„Episureo – zusammen fließen“ heißt eine interaktive Installation, die von Sebastian Neitsch und Stefan Schwabe in Zusammenarbeit mit Fabien Artal entwickelt wurde.
Das Projekt „Episureo“ entstand im Rahmen eines Semesterprojekts im Studiengang Multimedia|VR-Design bei Prof. Bernd Hanisch […] und wurde im März des Jahres im Stadtbad von Halle (Saale) erstmals öffentlich präsentiert.
Vom 4. bis 9. September 2008 wird „Episureo“ im Rahmen des Programms „campus 08“ auf der „Ars Electronica – Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft“ in Linz, im Schwimmbad des Holmes Place Health Clubs Linz, täglich von 10 bis 23 Uhr, zu sehen sein. Die aktuelle Fassung wurde betreut von Prof. Christa Sommerer und Prof. Laurent Mignonneau von der Kunstuniversität Linz in Österreich und Prof. Douglas Edric Stanley von der Ecole supérieure d’art d’Aix-en-Provence in Frankreich.
Die Besucher des Linzer Schwimmbads werden ein an die Decke projiziertes Bild, das via Kameratracking auf die Schwimmer im Wasser reagiert, erleben können. In Abhängigkeit von den Bewegungen der Schwimmenden verändert sich das Bild; mithilfe eines Unterwasserlautsprechers entsteht ein Klangteppich. Je nachdem, wie viele Menschen sich im Wasser befinden, wie schnell sie sich bewegen und wie groß ihr Abstand zueinander ist, werden Bild und Ton verändert. Es entstehen abstrakte, minimalistische Grafiken, die Bewegungsspuren, Räume und Gruppenbildungen abbilden.
Ohne Frage ein schönes und technisch anspruchsvolles Projekt. Aber bei solchen Tracking-sachen (zum Beispiel wie hier) frage ich mich dann doch meist nach dem Sinn. Es ist sicher aus dem menschlichen Grundbedürfnis heraus entstanden mit seinem Schatten zu spielen, aber was ist der Mehrwert für den Benutzer, ausser das eine »abstrakte, minimalistische« Grafik ihn symbolisiert? Was will man damit sagen? Hat es einen entspannungsfördernden Nutzen wenn man blaue Striche an der Decke sieht? Kann ich die »Gruppenbildung« nicht auch sehen, wenn ich mich einfach umschaue? Ist es am Ende nur ein modernes Kaleidoskop, ein bunter Bildschirmschoner?
Ich habe mir darüber ein wenig Gedanken gemacht und vielleicht sind folgenden Ideen ein wenig naiv, aber ich denke es sollte auf jeden Fall über eine Spielerei hinaus gehen und eine Aussage oder eine Funktion haben. So könnte man das Trackingprogramm zum Beispiel so aufbauen, dass bei einer Ansammlung von vielen Leuten an bestimmten Stellen besondere Effekte freigeschaltet werden und damit die Leute im Wasser mehr interagieren. Oder man bekommt Zusatzinfos, über besonders beliebte Spots im Wasser, die man dann besser meiden sollte, weil dort potentiell mehr Urin im Wasser ist ;) Vielleicht kann man aber auch an der Decke Wellen versenden und damit anderen eine Nachricht zu kommen lassen. Oder man gibt den Leuten am Ausgang einen ausgedruckten Zettel auf dem sie nachverfolgen können, wie und wo sie getrackt wurden und weißt so auf den gleichen Umstand im Web hin.
11 Comments
könnte auch leute geben, die das versenden von nachrichten, wenn sie sich eigentlich entspannen wollen, als sinnlos empfinden bzw. denen es auf den keks geht auch noch in bis dato relativ web-freien arealen mit »chats« bombardiert zu werden..oder mit überwachungsmeldern
Lieber Christoph,
es stimmt teilweise, was du sagst. Die Sinnlosigkeit unseres Projektes ist nüchtern betrachtet fast schon erschütternd.
Es gibt allerdings einige Sachen die ich so nicht stehen lassen kann.
Wir reagieren sehr wohl auf Gruppenansammlungen und lassen die Visualisierung auch an unterschiedlichen Orten des Beckens unterschiedlich reagieren. Ausserdem fängt sich das gesamte entstandene Bild an zu drehen wenn alle zusammen in eine Richtung schwimmen — dazu benötigt es Kommunikation und Verständnis für das ganze geschehen im Becken und wird durchaus mehr als ein blosses banales Aufzeichnen von Bewegungen.
Dies alles bezieht sich auf die erste Umsetzung im Stadtbad Halle — in Linz ist es sehr viel Komplexer geworden. Wir haben ein rechteckiges Becken mit fünf Bahnen die alle einzeln reagieren können. Es gibt verschiedene »Level« je nachdem wie viel Interaktion pro Bahn bereits stattgefunden hat.
Wir wollen nicht analysieren oder die Daten weiterleiten sondern nur Leute dazu bringen mit sich und anderen zu spielen und sich ihrer Bewegungen bewusst zu sein.
»Kann ich die »Gruppenbildung« nicht auch sehen, wenn ich mich einfach umschaue?«
- Nein kannst du nicht, da du im Becken bist und einfach keinen Überblick hast!
Man könnte auch einen riesigen Spiegel aufhängen, würde auch gehen. man hätte allerdings wenig gestalterischen Freiraum.
Architektur muss nicht statisch sein. Sie kann sich verändern je nachdem was im und um den Raum herum passiert. Das zu zeigen reicht mir schon als sinn unserer Arbeit. –Der nächste Schritt wäre von Projektionen abzukommen und das tatsächliche Material der Architektur zu verändern. –bischen beängstigend das geb ich zu.
Das grosse Problem aber ist, dass man Leute nicht übervordern darf. Ich weiß nicht wie weit du dich mit interaktiver kunst auseinandergesetzt hast. Aber die Menschen reagieren sehr zaghaft auf dinge die sie nicht kennen. Selbst beim Allerdeutlichsten verstehen sie oft nicht was eigentlich passiert. Alles was noch komplexer wird, wird noch indirekter in der interaktion, jedenfalls teilweise — die Leute würden es einfach nicht checken.
Ja es hat durchaus einen »entspannungsfördernden Nutzen wenn man blaue Striche an der Decke sieht« solange sie schön gestaltet sind harmonische Bewegungen haben UND — verdammt wichtig — der richtige Ton dazu gespielt wird. Es ist schwer unsere Arbeit so von aussen mit Hilfe eines alten Youtube-videos zu bewerten. Es fühlt sich einfach anders an wenn man im Wasser schwimmt, die Graphiken an der Decke sieht und den Ton unter Wasser hört.
schau Dir das hier mal an, aber am besten komm nach Linz!
http://www.ecole-art-aix.fr/article3235.html
Sorry, dass ich mit der Arbeit so hart ins Gericht gegangen bin, aber ich hatte halt nur das Video gesehen und die vielen Sachen die du erklärst, kommen da leider nicht drin vor, umso mehr freue ich mich, dass du die Sachen richtig gestellt hast.
Und danke für die Einladung nach Linz, glaube zwar nicht, dass ich das schaffe, aber ich bin gespannt auf eure (Video-)Dokumentation von dort :)
hallo
ich studiere medienkunst an der burg und habe mich einige zeit mit (generativen) interaktiven arbeiten auseinandergesetzt. ich bin irgendwie für mich zu dem schluss gekommen, dass eine bestimmte grenze der repräsentation nicht überschritten wird bei diesen arbeiten. und man kann wirklich schon sagen bei »diesen« arbeiten, weil alle eine grundannahme haben: einen medialen aggregatszustand in einen anderen zu übertragen. (grafiken in sound oder bewegung von menschen in sound oder bewegung in bewegung, was nicht mal eine übertragung ist). ich möchte eigentlich gern eure motivation wissen, dermaßen viel zeit und kraft zu investieren in eine sache, die sich (meiner meinung nach) nicht von anderen arbeiten unterscheidet (weil sie über das abfeiern dieser verschiebung nicht hinausgeht — und da lass ich auch nicht das argument gelten, dass man ja über bewegungen einer »gruppe« nachdenken kann, die im becken planscht, als ob es eine gesellschaftsstruktur sei). warum habt ihr aufwändig das wiederholt, wenn man das mal grob bösartig so auf den punkt bringen darf, was andere auch schon gemacht haben. nur vielleicht nicht in einem schwimmbad. und wieso haben euch sommerer/mignonneau nicht davor gewarnt (die frage ziehe ich zurück. die klassenausstellung der interfacler auf der ars 2005 war grotesk. ein verkaufsstand im wahrsten sinne.) also warum?
dass die ars electronica auf diese art von tech-art steht, wissen wir. übrigens die gewinner des designpreises halle (der meiner meinung nach eine schrecklich selbstinszenierung von warnke war) wiesener/kohler mit gelsomina haben ihr design-maschine auf der ars 2007 präsentiert. (wieso heißt die eigentlich ars?)
was fehlt sind die gesellschaftlichen auseinandersetzung mit der technologie (im zweiten weltkrieg hat man auch »getrackt« — allerdings flugzeuge, und dieses tracking hatte tödliche präzision). dass die auf der ars electronica fehlen, ist natürlich eine politische entscheidung. ein blick auf die sponsoren verrät das. es geht um eine affirmative inszenierung der technologie als »heilmittel« und jeder der mal auf der ars war, kann diesen eindruck irgendwie bestätigen. in einigen (kunst-)kreisen wird dieses spektakel schon garnicht mehr ernst genommen. trotzdem bleibt es ein wichtiger punkt in der vita auf dem weg zum nächsten förderantrag zur technikspielerei.
beste grüße
sebastian löwe
Christoph, die Ideen zur Weiterentwicklung des Werks am Ende des Beitrags, sind sehr gut! Ich kann mir gut vorstellen, dass so noch eine echte Bereicherung möglich wäre. Allerdings mag da auch der Wunsch nach Entertainment in der Kunst Vater des Gedanken sein – meinst du nicht?
Ich würde im jetzigen Zustand des Werkes als Besucher einfach davon ausgehen, dass es Teil der Entspannung in einem solchen Bad ist (die Location mit dem antiken, runden Becken und dem Kuppelbau, der sicher einer fesselnde Akustik hat, lädt ja dazu ein), dieser unaufdringlichen aber dennoch interaktiven Installation zuzuschauen.
Hey Sebastian,
Ich hab dem eigentlich nicht viel zu entgegnen. Ich wollte unbedingt auf die ARS da sie ein »wichtiger punkt in der vita auf dem weg zum nächsten förderantrag zur technikspielerei« ist. Ich habe versucht Christa davon zu überzeugen, mich ein anderes Projekt umsetzen zu lassen, aber meine Versuche sind fehlgeschlagen. Was wir hier machen ist purer Pop, Entertainment, keine Kunst. Doch im Vergleich zum Studiengang MM/VR Design an der Burg ist der Grad der Prostitution gering — auch wenn er für dich noch erschütternd sein mag.
Wenn die Menschen eine blinkende Decke wollen dann gebe ich Ihnen eine.
Wenn ich irgendwann genügend blinkende Decken gemacht habe, bin ich hoffentlich bekannt genug um etwas sinnvollere Arbeiten umzusetzen und vor Allem: Dabei gesehen zu werden. Ich muss nur rechtzeitig die Kurve kriegen. Aber ich bin überzeugt davon, mich dafür erst verkaufen zu müssen.
Meine nächsten Projekte werden Dir vielleicht mehr gefallen, da sie genau diese (zugegebenermaßen beschränkten) Grenzen und Denkweisen aus dem Designbereich zu durchbrechen versuchen.
viele Grüße
Sebastian
Das interessiert mich jetzt aber, Sebastian N. — wo genau wird denn bei MM|VR-Design prostituiert?
naja das kommt auf dich und deine Vorstellungen drauf an. Bei dem Vanity Vair Projekt ( http://mmvr.burg-halle.de/typo3/4226.0.html ) viel es mir jedenfalls nicht leicht dem Kontext gerecht zu werden. — Wenn man Kunden hat die wissen was sie wollen und kommerzielle arbeiten erfolgreich umsetzen muss, wird man zwangsweise dem Kunden näher kommen müssen. Dabei passiert es jedenfalls mir recht oft das ich mich von mir selbst entferne.
lieber sebastian,
vielleicht lag es an der etwas ätzend formulierten kritik, dass du jetzt unsachlich wirst (das muss man aber aushalten). auf meine kritik bist du in keinem punkt eingegangen.
im übrigen weiß ich nicht warum du sofort auf das thema prostitution kommst (zumal im zusammenhang mit design, das ja einem auftrag folgt — noch merkwürdiger). diese althergebrachte metapher verschleiert die heterogenität der diskussion um die autonomie des künstlers und der kunst.
wenn man im künstlerischen feld operiert, dann muss man sich auch dem aussetzen, was dort diskutiert wird. (um auch mal etwas unsachlich zu werden.) bzw. man muss sich den maßstäben in einer vernünftigen diskussion stellen können, die andere an die arbeit legen. ich vermute, dass ihr dinge aus einer technikbegeisterung heraus macht. das ist zwar legitim, aber ich finde das geht über eine spielerei nicht hinaus. und das ärgert mich, weil festivals wie die ars genau diese »blauäugigkeit« unterstützen und kräftig mit am mythos stricken.
bis demnächst
sebastian löwe
Hm, ich hab MM|VR nie als Prostitution empfunden. Ich finde eher, ganz im Gegenteil, dass wir viel zu selten mal tatsächlich Projekte für die Industrie machen müssen. Das ist die Schwierigkeit und Herausforderung beim Design: Etwas im Sinne des Auftraggebers zu erstellen (mit dem du dich selbst identifizieren kannst, indem du dem Projekt deine persönliche Note verleihst!).
Alles andere ist Kunst. Oder hast du gerade nur festgestellt, dass du im Studiengang falsch bist und lieber mehr mit künstlerischen Installationen machen willst?
Ich finde das im Stadtbad übrigens sehr schön, allerdings geht es in der riesigen Halle unter, liegt wohl an den Fenstern in der Nähe der Beamer.
Nachtrag: Wobei ich da mit Kunst versus Design auch gut reden habe, denn im Prinzip haben wir uns mit unseren beiden Spieleprojekten ja so wunderbar gegen jegliche Vorgaben entschieden und beschlossen auf eigene Faust zwei Semester was zu machen…mh.