Du freust dich auf ein Auslandssemester an einer Uni Europas, denn es wird bestimmt eine tolle und spannende Erfahrung. Und – Bachelor sei Dank – die ECTS Punkte werden dir angerechnet! Ist doch alles super! Du hast geschuftet um deine Punkte im Ausland zu bekommen, hast Prüfungen abgelegt, Präsentationen und Referate gehalten. Der Schrecken kommt, sobald Dich die Heimat wieder hat. Man erklärt dir, dass das alles nicht zählt und Du sollst an deiner Heimatuni noch einmal Rechenschaft darüber ablegen. Das heißt: Die Arbeitsergebnisse eines jeden Faches, dass Du im Ausland belegt hast, müssen nun noch einmal von deinen Professoren an der Burg begutachtet und abgesegnet werden. Also Rennerei und erneute Beschäftigung mit den bereits abgeschlossenen Themen. Aber vorher gibt es leider keine Unterschrift! Die brauchst Du nämlich vom Prof deines Fachbereiches.
Auch Dieser ist ratlos und weiß über die unnötige Situation. Aber so sind nun einmal die Bestimmungen. Denn die Kreditpunkte seien schon immer als Orientierungsgröße gedacht gewesen, als Richtwert für die rein quantitative Arbeitsleistung der Studenten, so einer der Väter des ECTSystems. Entscheidend für eine Anrechnung sei die Qualität einer Lehrveranstaltung, dokumentiert durch Lernergebnisse.
Die Idee europaweiter Leistungsnachweise endet also in einem Kampf mit der Bürokratie. Die Grundidee, auf der das komplette Bachelorsystem aufbaut, funktioniert in der Praxis kaum. Und davon sind sämtliche Hochschulen betroffen. Im Rahmen des Erasmus‐Programmes besteht das Problem noch am wenigsten. Denn hier haben die Hochschulen, was die gegenseitige Anerkennung angeht, meist detaillierte Abkommen miteinander, und zwar in Form eines sogenannten Learning Agreements.
Doch sogar in diesen Fällen tritt das Hauptproblem auf: Bislang fehlt eine europaweit einheitliche Regelung, wie studentische Arbeitsstunden überhaupt in Punkte übersetzt werden können. Hinzu kommt, dass etwa die Briten einen ECTS‐Punkt schon für 20 Arbeitsstunden hergeben, die Schweden für 26 bis 27 Stunden. Die Kreditpunkte führen zwar zu einer sinnvolleren Studienorganisation, doch seit bei der hochschulinternen ECTS‐Planung nicht mehr der Auslandsaustausch im Vordergrund steht, leidet seine internationale Vergleichbarkeit. Angeblich sei das Problem bereits erkannt: Die Europäische Union entwirft neue Regeln für die Notenvergabe und das Bologna‐Zentrum arbeitet an praxisnahen Empfehlungen zur Anerkennung
ausländischer ECTS‐Punkte.
Soweit, so gut. Akut liegt also im Wesentlichen das Problem vor, dass dir die Pseudogenauigkeit von ECTS falsche Hoffnungen auf eine reibungslose Anerkennung deiner Auslandsleistungen macht. Sei also darauf gefasst: Die Bescheinigung der Auslandshochschule über die erreichten Punkte reicht nicht aus, um in Deutschland zu bestehen.
Der bereits erwähnte Vater des ECTS beschreibt dies so: „Das Problem ist, dass wir Deutschen keine Unsicherheit mögen. Viele Fachbereiche haben lieber starre Regeln bei der Anerkennung eingeführt, anstatt flexibel zu sein.“ Doch soll die Anerkennung etwa ein Willkürakt der Professoren werden?
Letztendlich steht fest: Es muss daran gearbeitet werden, dass das System in der Praxis besser funktioniert. Also muss eine europaweite Harmonisierung der Studienmodulgrößen her! Bis dahin musst du Dir nach Deinem Auslandsaufenthalt ein zweites Mal deine Kreditpunkte verdienen!
Von Josephine Schulte (Quelle: Die Zeit Nr. 45 Artikel von Jan‐Martin Wiarda)
Illustration von Stefanie Leinhos

3 Comments
Japp … das seh ich demnächst auch schon auf mich zukommen. Zudem es hier in Estland noch ein eigenes CP-System gibt bei dem man 1,5 ECTS für 40 Stunden bekommt …
Das kann noch heiter werden mit den Profs. Zudem ist die Struktur hier ja völlig anders. An das ganze Rumdiskutiere mag ich noch gar nicht denken.
ich verteidige nächste woche. dann seh ich ja wie viel mir von meinen 60 Punkten noch bleiben ;)
Bei allen Fächern, bei denen man etwas gemachtes in der Hand hat, also im Sinne von einer gestalterischen Arbeit, ist es weniger das Problem. Das kann bzw. muss man ja erneut bei dem Studiengangsleiter oder gegebenfalls der Prüfungskomission zeigen und kann hoffen die Punkte angerechnet zu bekommen.
Bei den Theoriefächern sieht es leider etwas finster aus. Man muss zu jedem Professor des jeweiligen Faches rennen und versuchen die Arbeit angerechnet zu bekommen. Das klappt allerdings nur wenn man auch etwas in der Hand hat, was man ihm zeigen kann, (etwa eine Hausarbeit). Was aber, wenn der Theoriekurs nur aus Anwesenheit und einem Abschlusstest besteht, wie in meinem Fall bei 4 Kursen mit jeweils 2 ECTS Punkten.
Da nützt einem der Schein, mit der Bestätignung der Arbeitsleistung und einer dekorativen Unterschrift absolut garnichts.
Da verpuffen mal eben schnell einige Pünktche in der Luft. Ok, ich sehe ja ein, dass ich damit kein Aufbaumodul Designtheorie ausgleichen kann, das hier Vorschrift ist, aber wo bleiben meine geleisteten Stunden? Ich bin ja nachweislich zu den Veranstaltungen gegangen und habe dabei eine bestimmte Zeit gearbeitet (/totgeschlagen/verloren). Warum werden einem diese Stunden/ECTS nicht einfach gutgeschrieben, um die paar wenigen, möglichen Wahlpunkte abdecken zu können? Wofür gibt es das System denn überhaupt? ECTS sind nur ein Maß für die Zeit die aufgewendet wird, nicht über die Qualität, das scheint niemand klar zu sein. Warum muss ich nachweisen, mit einer materiellen Arbeit, dass ich diese Stunden auch wirklich geleistet habe, wenn ich ein offizielles Schreiben der Partnerhochschule habe, das mir genau das bestätigt? Wenn das Vertrauen innerhalb der Hochschulen nicht da ist, wird es nie funktionieren, egal wieviele Bolognasysteme man sich noch einfallen lässt.
Wenn ihr also ins Ausland geht, was ich nur empfehlen kann, versucht nicht krampfhaft auf eure 30 Punkte zu kommen, sondern macht das, worauf ihr Lust habt. Und am besten belegt ihr nur gestalterische Fächer, außer es gibt Theorieangebote, die euch persönlich interessieren, alles andere ist Zeitverschwendung.