
Der vorliegende Text fasst meinen persönlichen Kunstbegriff. Obwohl ich meine Thesen auf Grund reiflicher Überlegungen formuliert habe, soll und kann damit kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit verbunden sein.
Vielmehr wird der Leser dieses Textes ausdrücklich dazu aufgefordert, sich kritisch zu äußern: Meine Thesen sollen abgelehnt, kommentiert, bestritten, angezweifelt, widerlegt, befürwortet werden.
Hierbei ist die persönliche Meinung gefragt! Einwände und Kommentare können vor Ort, in der Bibliothek der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design auf einer Schreibmaschine oder handschriftlich, gerne auch per E-Mail, abgegeben werden. Ich möchte alle Kommentare zusammentragen: Nach Ablauf der Ausstellungsdauer soll ein Manuskript entstehen, in dem der Diskurs um den Kunstbegriff festgehalten wird. Dieses Manuskript soll in Buchform in der Bibliothek und im Internet zugänglich gemacht werden.
Kunstbegriff
Kunst kann alles, Kunst darf alles.
’Kunst‹ meint einen Prozess,
der ein Moment der ›Kunst‹ einlöst.
- ›Kunst‹ kann immer dort entstehen, wo Kunstschaffende besondere Gegenstände anfertigen oder besondere Umstände herbeiführen. Kunstschaffende sind tätige menschliche Individuen und dürfen alle praktischen – abbildenden, gegenständlichen, akustischen usw. — Mittel verwenden. Hiervon sollen alle Handlungen, durch die ein menschliches Leben geschädigt oder gefährdet wird oder werden könnte, ausgenommen werden. Auch Tiere und Pflanzen sollen nicht unnötig geschädigt werden.
- ›Kunst‹ kann immer dort entstehen, wo durch Kunstschaffende angefertigte Gegenstände und oder herbeigeführte Umstände durch Rezipienten wahrgenommen und reflektiert werden. Nur dann, wenn Rezipienten durch Reflexion das Moment der ›Kunst‹ einlösen, können Kunstschaffende ›Künstler‹ genannt werden.
- Die Bezeichnung ›Kunstschaffende‹ verweist auf den Prozess; ›KünstlerIn‹ hingegen ist zum bloßen Titel verkommen, der über das Potential der Kunstschaffenden zur ›Kunst‹ nichts aussagt: Kunstschaffende stehen ihrer Kunst gegenüber und sind von ihr deutlich unterschieden: Identität zwischen beiden ist ausgeschlossen. Kunstschaffende sind niemals selbst allein ›Kunst‹, denn ›Kunst‹ meint immer einen Prozess der Vermittlung zwischen Kunstschaffenden – über die angefertigten Gegenstände und/oder herbeigeführten Umstände – mit wahrnehmenden Rezipienten. Kunstschaffende sollen sich mit ›Kunst‹ nicht profilieren, denn das wäre ein Missbrauch. Sie sollen sie gewissenhaft gebrauchen, denn ›Kunst‹ ist das freiste Ausdrucksmedium.
- Die Freiheit von ›Kunst‹ besteht unter zwei Prämissen: Erstens Selbstbezug: ›Kunst‹ soll nur um ihrer selbst Willen entstehen und soll dahin gehend immer wieder hinterfragt werden. Deshalb kann ›Kunst‹ nie Mittel zum Zweck sein; der alleinige Zweck von ›Kunst‹ ist, dass sie sich selbst bezweckt. Zweitens Freiwilligkeit: Niemand soll zur ›Kunst‹ gezwungen werden, ihr Zugang soll immer freiwillig bleiben.
- In dem Prozess ›Kunst‹ vermitteln sich über Gegenstände und/oder Umstände zwischen Kunstschaffenden und Rezipienten Gefühlslagen und/oder Denkprozesse. In dem Prozess ›Kunst‹ können Denkprozesse und/oder Gefühlslagen eines Individuums an ein zweites – drittes, viertes, usw. … — Individuum vermittelt werden. Sind Kunstschaffende mit den Rezipienten identisch, so wird zwischen den Gefühlslagen und/oder Denkprozessen eines Individuums zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten vermittelt. Das Moment der ›Kunst‹ wird eingelöst durch eine gedankliche und/oder emotionale, höhere Reflexion des Rezipienten. Eine gedankliche, höhere Reflexion meint eine nicht auf einen Zweck bezogene gedankliche Arbeit jenseits bestehender Konventionen und Denkmuster. Eine emotionale, höhere Reflexion meint das Empfinden und/oder die Erkenntnis und/oder Erinnerung emotionaler Zustände und ihrer persönlichen Bedeutung für den Rezipienten.
- Der Prozess ›Kunst‹ kann mit dem Denkprozess und/oder Gefühlslagen von Kunstschaffenden beginnen [aktiv]. Ereignet sich eine direkte interpersonale Reaktion des wahrnehmenden und reflektierenden Rezipienten auf die besonderen Gegenstände und/oder besonderen Umstände, erhält der Vermittlungsprozess ›Kunst‹ einen dialogischen Charakter [dialogisch-aktiv]. Dieser Dialog kann über Gegenstände und/oder Umstände durch weitere Äußerungen der Kunstschaffenden fortgesetzt werden. Der Prozess ›Kunst‹ kann auch in Reaktion auf äußere Einflüsse – möglich sind bereits existierende Gegenstände und/oder bereits andauernde Umstände als auch menschliche Individuen, auf die als spätere Rezipienten abgezielt wird — erst in Gang gesetzt werden [re-aktiv]. Durch eine direkte, interpersonale Reaktion des wahrnehmenden und reflektierenden Rezipienten erhält der Vermittlungsprozess ›Kunst‹ einen dialogischen Charakter [dialogisch-reaktiv].
- Der dialogische Charakter von ›Kunst‹ betont, berücksichtigt und fordert die Individualität der Einzelnen. Denn es ist nicht zwingend davon auszugehen, dass der Gefühlszustand oder Gedanke der Kunstschaffenden, welcher den Prozess ›Kunst‹ auslöst, in gleicher Weise bei Rezipienten hervorgerufen wird. Es gilt nur, dass Intentionen Kunstschaffender durch Gedanken und/oder Gefühle bedingt sind und höhere Reflexion bei Rezipienten auslösen. Andernfalls wäre ›Kunst‹ Mittel zum Zweck einer bereits vorab eindeutig bestimmten Erkenntnis.
© Nicolas Schröter, 2008
9 Comments
Vielleicht können wir auch drüber reden, was einen Kunstbegriff von einem persönlichen/politischen Manifest („Wir wollen Kunst, die …“) von ner traditionellen Definition von Kunst („Kunst ist …“), von ner kritischen Beschreibung von Kunst in speziellen Kontexten unterscheidet („In der Kunst gibt es Institutionen, die …“).
Erstmal Danke, dass Du ein so interessantes Feld aufmachst. Muss mich da erst mal reindenken, bevor ich selbst was dazu schreiben will, freue mich aber sehr auf die hoffentlich zahlreichen Beiträge.
Etwas kann nicht etwas meinen, nur jemand kann etwas meinen.
Lieber Tom,
MEINER Meinung nach meint der Begriff ›Kunst‹ einen Prozess, der ein Moment der ›Kunst‹ einlöst. Durch die Hochkommata soll deutlich gemacht werden, dass die Bedeutung des Wortes ›Kunst‹ im anschließenden Teilsatz erörtert wird.
So ist das gemeint… ;-)
gruß
Lieber Nicolas,
Du meinst der Begriff Kunst beinhaltet folgende Implikationen/Prozesse… wie auch immer.
Es geht nur darum, dass nicht »etwas etwas meinen« kann sondern »jemand etwas meint«. Dinge oder abstrakte Begriffe haben keine Meinung.
ich finde den paragrafen IV. nicht akzeptabel: ich dachte wir wären schon lange über das dogma eines l’art pour l’art hinweg. ich sage nur: die politische, soziale, kommerzielle funktionalisierung von kunstproduktion.
und ich finde nicos formulierungen auch nicht trennscharf genug. wie wäre es mit einer unterscheidung von normativen und deskriptiven argumenten, denn der erste teil von paragraf IV. ist normativ (»Kunst soll…«).
Da muss ich dann auch widersprechen und sagen: kunst soll eben nicht sich selber dienen, sondern künstler sollen ihre Abhängigkeiten reflektieren und durchaus auch versuchen dürfen ins politische, soziale, kommerzielle einzugreifen und Haltungen zu vertreten, die sich nicht selber bespiegeln.
zu Tom:
Genau! — eine eindeutige Implikation des Kunstbegriffes gibt es aber nicht, weil die Bedeutung des Begriffs nicht eindeutig definiert wurde und vielleicht nicht werden kann. Das ein Ding oder ein abstrakter Begriff eine Meinung hat, habe ich nie behauptet, denn als Autor des Textes, äußere ich mich ja als Jemand, der weder Ding noch Begriff ist, sondern Person.
Meinst du nicht, dass es wenig Sinn hat, sich wegen solcher Verständnisprobleme gegenseitig auf die Füße zu treten?
Mich interessiert eigentlich, ob du in Bezug auf meine Thesen anderer Meinung bist?
Gruß
zu David
(Posted 1. Dezember 2008)
Was unterscheidet…
1. einen Kunstbegriff
2. von einem persönlichen/politischen Manifest
(„Wir wollen Kunst, die …“)
3. von einer traditionellen Definition von Kunst
(„Kunst ist …“)
4. von ner kritischen Beschreibung von Kunst in speziellen Kontexten
(„In der Kunst gibt es Institutionen, die …“)?
Wenn ich versuche, diese Trennung aufzumachen, dann handelt es sich bei meinem KUNSTBEGRIFF um einen Versuch einer ›traditionellen Definition‹(3.) [s.u.], durchmischt mit Teilaspekten von 2. und 4..
Die Frage nach 1. und 3. scheint mir doch dieselbe zu sein?
jetzt erstmal zu 3.:
nach dem klassischen Verständnis verlangt eine Definition eines zu definierenden Begriffs oder auch ›Defininiendum‹ einen bereits festgelegten Begriff oder auch ›Definiens‹, von dem das ›Definiendum‹ durch eine wesentliche Eigenart oder auch ›differentia specificae‹ unterschieden werden kann.
Ein bekanntes Beispiel ist das Quadrat (Definiendum), definiert als Rechteck (definiens) mit vier gleichlangen
Seiten (differentia specificae).
Das macht die Sache aber nicht leichter: Wie kriege ich ›Kunst‹ dann zu fassen? Ich hab das mal versucht, die Ergebnisse sind aber noch unschärfer als mein Text:
»Kunst als menschliche Tätigkeit, die nicht der Zweck-Mittel Relation unterliegt.« zum Beispiel.
Eine solche Definition setzt voraus, das es eine ›Intension‹ des Kunstbegriffs gibt, also ein wesentliches gemeinsames
Merkmal aller Kunstwerke, das man aber erst kennen muss, um definieren zu können… usw.
Ein anderer Ansatz wäre, den Weg der Extension des Begriffs zu gehen: Wir müssten dann alle Dinge aufzählen, die als Kunstwerk bezeichnet werden. Das wäre absurd! Wir würden damit nie fertig werden. Da erscheint es irgendwann aussichtslos und irgendwie völlig sinnlos, Kunst definieren zu wollen.
Einige Kreativitätsforscher, z.B. Csikszentmihályi (1996)
und Westmeyer (1998) nähern sich dem Phänomen ›Kreativität‹ als einem Werturteil, dass erst durch bestimmte Entscheidungsträger in Machtpositionen bestimmter Felder einem Gegenstand zugesprochen werden kann. Vielleicht kann man diesen Gedanken auf ›Kunst‹ übertragen?
Super, dass die Frage zur Diskussion gestellt wird! (schließlich muss sich ja eigentlich jeder kunststudent damit mal auseinandersetzen und es wird viel zu wenig darüber gesprochen) Schade nur, dass die Thesen wenig Neues beinhalten. Ich finde Aussagen nach Art von »Kunst kann man nicht definieren« auch recht unbefriedigend, aber es versuchen sich nun doch schon einige Generationen an einer allgemeingültigen Definition von Kunst und ich glaube kaum, dass ihr Versagen auf Unwissenheit oder Unfähigkeit zurückzuführen ist. Nicht dass die Sache damit abgehakt wäre, aber vielleicht überlegt man mal, ob mit der Frage etwas nicht stimmt… Passen Kunst und Begriff zusammen? Entstammt der Begriff nicht einer eher unkünstlerischen Weltsicht, mit seinem kategoriesierenden, statischen, eindeutigen Charakter? Ist deshalb ein Kunst-begriff nicht schon ein Widerspruch in sich? Zeigt Kunst in ihrer unendlichen Formenvielfalt nicht, dass sie weniger ein Sammelbegriff für Produkte, sondern vielmehr einer für eine Geisteshaltung ist, die diese Produkte hervorbringt? Sollte man nicht, wenn man das Anliegen hat, Kunst zu bestimmen, vor allem dieser Geisteshaltung, den Grundlagen ihrer Entstehung, den Methoden künstlerischer Wissensaneignung nachgehen? Wäre es deshalb nicht sinnvoller statt nach dem Was/der Form/dem Begriff, nach dem Wie zu fragen?
Wie entsteht Kunst/wann wird etwas als Kunst wahrgenommen?
zu Sebastian:
Den Vorschlag einer Trennung von normativen Forderungen und deskriptiven Elementen finde ich gut.
Eine Frage, die mir hierzu wichtig ist: »die politische, soziale, kommerzielle funktionalisierung von kunstproduktion« — durch wen wird sie vorgenommen?
Denn deine abschließende Formulierung suggeriert, dass es auch der Künstler selbst sein kann, der seine Kunstproduktion funktionalisiert. Eine andere denkbare Möglichkeit wäre, dass erst Dritte diese Kunstproduktion funktionalisieren. Ich finde es sehr schwierig, Kunst in ihren Bezügen zu politischen und anderen Strukturen überhaupt zu begreifen, geschweige denn kritisch erörtern zu wollen, ohne in irgendwelche Klischees von Marktkritik usw. zu verfallen.
Dennoch hast du mit deinem Einwand sehr Recht:
Im Alltag erlebt man ja, dass die kulturelle Domäne der Kunst von Machtstrukturen durchzogen ist.
(Politische Dimension), Kunst wird verkauft(Kommerzielle Komponente) und nicht selten für den Verkauf produziert.
Wenn man versucht, die Frage zu klären, was Kunst wesentlich ausmacht, dann erfüllt Kunst(vor allem anderen!?) eine soziale Funktion, denn wer Kunst macht, kommuniziert.
Doch was folgt aus einer solchen Beschreibung? Reicht es denn aus, das bloß festzustellen?
Der Leitfaden für unser tägliches Handeln, also auch der Umgang mit unserer künstlerischen Produktion und der Anderer, mithin dem ganzen Kunstbetrieb richtet sich immer nach Normen (das muss nicht mal eine primär moralische Komponente haben:
z.B. das Ziel, eine bestimmte künstlerische Aussage überhaupt an ein Publikum zu bringen, oder einfach nur möglichst schnell Geld zu machen usw.)
Wonach richtet sich unser Bedürfnis, überhaupt künstlerisch tätig werden zu wollen? Eine Anregung zu meinem Text war, die Spieltheorie mit in die Definition zu involvieren:
Wird Kunst vielleicht als (wertfreies) Spiel betrieben?
Ich glaube, dass hier auf deskriptive Argumente auch normative folgen müssen, weil sonst alles so beliebig bleibt.
Ich frage mich, welche? Und obwohl der Paragraph IV vielleicht ziemlich streng klingt, ist meine Vorstellung ist nicht die einer Kunst, die sich ausschließlich »selbst bespiegelt« oder sogar die Rückkehr zum »Dogma des l’art pour l’art«. Die beiden von mir erwähnten Punkte (nicht Mittel zum Zweck zu sein und Freiwillig zu bleiben) sind (vorerst)
mein Vorschlag zum Selbstverständnis von Kunst. (Ich bin der Meinung, wer Kunst macht, um eine politische Wendung herbeizuführen, dann auch in die Politik gehen sollte. Ich zweifle auch sehr stark daran, ob es richtig ist, abderen Kunst aufzudrängen, z.B. in Form öffentlicher Performances.)
Vielleicht muss man ich meine Ausführung im Paragraph IV aber auch ausdifferenzieren und beispielsweise zulassen, dass Kunst, obwohl nicht primär auf eine politische Wendng ausgerichtet, eine solche doch beeinflussen kann?