Niedlich in Japan

Ich, Sebas­tian Löwe, bin bis Sommer 2009 in Tokyo an der Geidai. Geidai ist eine Abkür­zung für Gei­jutsu Dai­gaku, was so viel heißt wie Kunst­hoch­schule. Die Geidai ist in Japan sehr bekannt, wohl auch weil viele bekannte Leute hier abge­schlossen haben oder hier lehren (u. a. Takashi Mura­kami; Takeshi Kitano ist hier prof.) und es die ein­zige tokyoter Kunst­hoch­schule ist, die (noch) staat­lich ist (was die auf­nah­me­prü­fung erschwert, aber kei­nes­wegs die stu­di­en­ge­bühren senkt). Ich bin im Fach­ge­biet inter media art (das ist eigent­lich alles: Skulp­tur­ar­beiten, Instal­la­tion, Kon­zept­zeug, Video, Pro­gram­mie­rung, Sound). Ich fühle mich da ziem­lich gut auf­ge­hoben, da es jede menge netter, auf­ge­schlos­sener Stu­denten und eine ganze Reihe Pro­fes­soren und Betreuer gibt und die Aus­stat­tung, soweit ich das über­blicke, ziem­lich gut ist. Ich werde hier zwar noch etwas neugierig-​schüchtern beäugt, aber ziem­lich zuvor­kom­mend behandelt.

Man dis­ku­tiert hier, dass mehr Aus­tausch benö­tigt wird. Dazu gehört auch die man­gelnde Qua­li­fi­ka­tion vieler Japaner halb­wegs gutes Eng­lisch zu reden. Man muss also japa­nisch lernen oder man beschränkt sich auf einen klei­neren Kreis von Leuten. Meine Kom­mil­li­tonen waren zwar anfangs sehr zurück­hal­tend, tauen aber langsam auf, da ich mich in japa­nisch ver­suche. Ich denke das leistet hier eine Menge. Mein Prof Yoshiaki Watanabe spricht aller­dings flie­ßend deutsch, weil er in Düs­sel­dorf stu­diert hat. Ebenso Kiyoshi Furu­kawa. Da es einen Koope­ra­ti­ons­ver­trag mit der Burg gibt, kann man die enorm hohen Stu­di­en­ge­bühren sparen, wenn man früh genug bei der Geidai anklopft. Am besten man kon­tak­tiert eine/​einen Professor/​in, bei der/​m man gerne stu­dieren möchte und fragt, ob das mög­lich ist. Zur Finan­zie­rung des auf­ent­halts bietet die japa­ni­sche Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­tion Jasso ein Sti­pen­dium, dass über die japa­ni­sche Hoch­schule bean­tragt wird. (siehe dazu: http://​www​.jasso​.go​.jp/​s​c​h​o​l​a​r​s​h​i​p​/​s​h​o​r​t​_​t​e​r​m​_​e​.html). Für Gra­du­ierte gibt es ein sehr hoch dotiertes Sti­pen­dium für ein Post­gra­du­ier­ten­stu­dium (an der Geidai kann man auch seinen Doktor in Kunst machen). Mon­busho: das Stu­di­en­jahr beginnt, nicht wie bei uns im Herbst, son­dern im Früh­jahr. Des­halb bietet es sich an hier seine eigenen Pro­jekte zu machen, da Kurse über ein Stu­di­en­jahr laufen. Bei man­chen Kursen kann man aller­dings Quer­ein­steigen, wenn man Vor­wissen hat (zumin­dest beim Max Msp-​Soundkurs hat das geklappt). Die Aus­tausch­stu­denten genießen hier alle Frei­heiten. Keine Bin­dung an Kurse, Vor­le­sungen, etc. (was die aus­län­di­schen Zwei-​Jahre-​Master-​Studenten hier manchmal schmerz­lich vermissen).

Was die kul­tu­rellen Erfah­rung angeht, bin ich immer noch dabei über­haupt einen ersten Ein­blick zu bekommen, den man mit­teilen kann. Die Gesell­schaft ist seit einiger Zeit im Umbruch und so treffen die gän­gigen Kli­schees zwar ober­fläch­lich noch zu. Aber es stellt sich hier vor Ort alles viel kom­plexer dar, als man es aus der ferne beur­teilen kann. bei­spiels­weise ist hier »nied­lich sein« ein Kom­pli­ment, auch für erwach­sene Men­schen und (fast) die gesamte Gesell­schaft basiert auf diesem Prinzip. Die gän­gigen Rol­len­muster werden zwar über Manga und TV abge­spult, aber Manga behan­deln bspw. auch Pro­bleme von Sport­lern im Roll­stuhl. Über­haupt werden die Unter­hal­tungs­in­dus­trie­pro­dukte über­wie­gend national pro­du­ziert, aber die ame­ri­ka­ni­sche Pop-​Kultur hat sich hier stark ein­ge­schrieben (was hier natür­lich auch kri­ti­siert wird, beson­ders von den älteren Menschen).

Die Stadt Tokyo ist (dum­mer­weise muss ich das mal so for­mu­lieren) nicht ver­gleichbar mit deut­schen Städten. Gra­vie­rende Unter­schiede bei der Sound­ku­lisse und deren rapide Ver­än­de­rung, der Bebauung und Archi­tektur, der Zahl der Ein­wohner und deren Bewe­gung, den kul­tu­rellen Codes und Zei­chen, der Küche. Viel­leicht dazu später mehr an dieser stelle.«

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4 Comments

  1. David
    Erstellt am 21. November 2008 um 11:21 | Permanent-Link

    Super inter­es­santer Artikel – wäre toll, wenn dem ersten noch ein zweiter folgt, sobald Du Dich ein biß­chen ein­ge­lebt hast!

    Dass Japan sich ver­än­dert, hört man schon seit vielen Jahren; dass Werte wie Respekt und Loya­lität nicht mehr zen­tral seien, wie sie es viele Jahr­hun­derte lang waren. Trotzdem wirken nor­male japa­ni­sche Umgangs­formen auf mich immer noch »hoch­neu­ro­tisch«, so höf­lich und for­mell scheint das Mit­ein­ander da abzu­laufen. Ande­rer­seits: Ich kenne auch nur die Fik­tion. Wie erlebst Du das?

    Und: Ist Japa­nisch schwierig zu lernen? Hast Du ein sol­ches Jasso-​Stipendium bekommen können? Ist es Dir auch schon pas­siert, dass irgendein japa­ni­scher Opa Dir zu unserem großen Führer gra­tu­liert hat?

    Doitsu yori ai wo komete!

  2. sebastian löwe
    Erstellt am 21. November 2008 um 15:32 | Permanent-Link

    die worte »Respekt und Loya­lität« haben aus meiner sicht in japan einen merk­wür­digen beige­schmack. hier gibt es auch starke revan­chis­ti­sche strö­mungen, die aber gegen die offi­zi­elle politisch-​korrekte mei­nung laufen. da werden »alte werte« hoch­ge­halten, den kriegs­op­fern die qualen abge­spro­chen und die ehe­ma­ligen besatzer der pazi­fik­re­gion loben sich.… höchst ver­ur­tei­lens­wert. das­selbe in deutsch­land in der dis­kus­sion um die deut­schen kriegs­ver­be­chen in polen bspw.
    ältere men­schen schauen gerne komisch. aber ich hab noch nicht erfahren was sie denken.
    die umgangs­formen sind aus deut­scher sicht sehr unter­kühlt. keine berüh­rungen im nor­malen alltag. aber es gibt ja noch alkohol und dann werden zumin­dest die herren der schöp­fung ent­hemmt. ich muss gestehen, dass man zwar in japan leben kann, aber nicht auto­ma­tisch alle men­schen ver­steht. ich hab zwar die mög­lich­keit mit den leuten zu spre­chen, aber erfahre immer soviel, wie sie bereit sind preis­zu­geben. und nicht alle japaner sind gleich. manche sind neu­ro­tisch viel­leicht, manche aber sehr lebendig und humor­voll. aber man kann eine gewisse melan­cholie bei dem einen oder der anderen nicht über­sehen.
    japa­nisch hab ich an der uni halle ange­fangen und schwitze mich jetzt durch. im grunde ist es ein werk­zeug zum ver­ständnis meiner der­zei­tigen umwelt. also gam­baro — ich geb mein bestes.
    und was die finan­zie­rung angeht, bekomme ich ein sti­pen­dium von der heinrich-​böll-​stiftung und die zahlen nochmal einen satten zuschlag für japan.

  3. Erstellt am 21. November 2008 um 17:43 | Permanent-Link

    Oh ja, du musst unbe­dingt mehr schreiben, wenn du Zeit fin­dest! Was du erzählst ist hochinteressant..schon das mit dem niedlich…Niedlichkeit als Tugend *g*

  4. sebastian löwe
    Erstellt am 24. November 2008 um 14:27 | Permanent-Link

    viel­leicht findet man ja auf meiner web­site einen link zu meinem tokyo-​blog.…. und da steht dann viel­leicht mehr.…

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