„Und? Wie war es auf der Buchmesse?“, fragt man mich und ich überlege, ob es ein Wort gibt, das der charakteristischen Kombination aus trockener Luft, Kunstlicht, nüchterner Funktionsarchitektur und einschläfernder Hallenakustik gerecht wird.
Allein um die erschlagende Angebotsfülle zu beschreiben, bedürfte es einer eigenen Wortschöpfung. Diese Flut von Reizen, die alle um Aufmerksamkeit konkurrieren, fordert den Körper des Besuchers nicht weniger als die meerische Brandung. Und am Ende eines Messetages könnte man, dem Grad der Erschöpfung nach, durchaus glauben, man sei durch die endlosen Gänge geschwommen und nicht gelaufen.
Da sich diese sinnlichen Eindrücke nur schwer übermitteln lassen, wie sonst kann man die Neugier des Hiergebliebenen stillen?
Mit beeindruckenden Zahlen? Wie viele Quadratmeter, wie viele Verlage, wie viele Besucher? Oder gibt man ihm lieber Einblick in selbst erfahrene statistischen Erkenntnisse und spricht beispielsweise vom Strömungsverhalten der Besucher in Abhängigkeit der verstrichenen Messedauer?
Vielleicht lässt man ihn über die eigentlich nicht überraschende Beobachtung staunen, dass sich schon an der Art, wie der Besucher am Stand die Bücher blätterte, erkennen ließ, ob es sich um einen Fachmann, einen interessierten Laien oder einen verirrten Taschenbuch-Interessenten handelte.
Man könnte mit makabrer Anschaulichkeit den exponentiellen Zuwachs fettiger Oberflächen und den Weg ihrer Ausbreitung beschreiben, von Panini, Muffin und Co. auf Hände, Rolltreppengeländer, Klinken, Möbel und Buchseiten.
Vielleicht erwähnt man die eigene Sprachlosigkeit angesichts der Aufforderung des Messeteams die Qualität der Besucher zu beschreiben.
Oder man unterhält mit Anekdoten, berichtet von kreischenden Bohlen– oder Bushido-Fans, vom Häppchen-Hopping am Freitag, von Vätern, die ihren buchverrückten Töchtern ins Gewissen reden – „Sieh dich um, so sähe dein Leben aus. Willst du so enden …“ – von Essknete, Daumenkinosammlern, rotäugigen Mangaanhängern, Fleischerladenstanddekor, Rolltreppenpolonaise und kriegsähnlichen Zuständen, nachdem die Kalenderausstellung zum Verkauf freigegeben wurde.
Nachdenkliche Töne wären möglich: Wie viel Kunst steckt in Buchkunst? Ist diese Messe der richtige Ort, um sie auszustellen? Sind wir zu angewandt für freie Kunst und zu weltfremd und unausgebildet für dienstleistende Gestaltung?
Vielleicht schwärmt man, optimistisch: So viele Besucher, so viel Interesse und Kontaktmöglichkeiten … (Welche bitteren Züge diese Zuversicht bekommen kann, wird an den Schuhkarton-großen Ministänden kleiner Verlage deutlich, in denen kaum der Standbetreuer, geschweige denn das Buchangebot Platz finden. Man fragt sich als Vorübergehender mitleidig, ob sie dem Ansehen ihres Verlages mit dem Motto „Dabei sein ist alles“ nicht mehr schaden als nutzen.)
Letztendlich – und es ist bezeichnend, dass man nicht sofort auf die Idee kommt – könnte man auch von Büchern erzählen. Von Schätzen, die man inmitten der riesigen Auswahl fand.
Nur ist hier der Erzählstoff nicht stundenfüllend, wie man annehmen könnte. Die Buchmesse gleicht einer Stadt aus Büchern, doch ist sie nicht für Leser gebaut. Es verlangt schon außergewöhnliche kontemplative Fähigkeiten um sich ungeachtet des Messetrubels auf ein Buch einzulassen. Man könnte meinen, eine Messe wäre dazu da, Ungewöhnliches, Seltenes zu sehen. Doch die Besucherknoten bilden sich an Ständen von Massenverlagen, deren Bücher in jeder größeren Buchhandlung stehen. Die Messe ist ein Treffpunkt, ein politisches Pflaster: „Ach, Sie sind auch hier? Wie schön.“ Küsschen rechts, Küsschen links.
Man wundert sich über die bunten, faschingsverdächtigen Mangagestalten. Was haben sie mit der Buchmesse zu tun? Wenn man sie fragt, warum sie gekommen sind, erklären sie, dass die Buchmesse nur ein Anlass sei, ein mit der Szene vereinbarter Termin, um Gleichgesinnte kennenzulernen und sich mit Ihnen auszutauschen.
Während der Messe wird klar, dass es sich bei den unspektakulärer gekleideten Besuchern nicht anders verhält. Man kann Bücher lieben und Buchmessen hassen und umgekehrt.
„Und? Wie war es auf der Buchmesse?“, fragt man mich und ich antworte, gedehnt: „Interessant.“
Text: Theresa Wünsche

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schön geschrieben!