Ahoi, Veit.

Universalkostüm

Nach dreißig Jahren als Lehrer an der Burg Gie­bi­chen­stein ver­la­gert Veit Mar­kert nun seinen Wohnort in den rauen Norden. Auch wenn er davon nicht viel hält, wurde er zum Gespräch gebeten. Die eli­tären Geschichten aus dem Kreise von »Alt­ka­me­raden« und »Sprit­zern« unter der mythi­schen Fahne des »Phönix« sind nun zum Teil auch für Dich verfügbar.

Die BURG – Gegrauchs­grafik, Neu­an­fang, ich.

1985

Ich saß mit einem Kumpel abends mal in der Kneipe: »Mensch Veit, die machen bei uns eine Gebrauchs­gra­fik­klasse auf.« Da war ich so im vierten Stu­di­en­jahr. Ich hatte immer schon mit mir her­um­ge­tragen, was nun nach dem Stu­dium machen? Rich­tige Gebrauchs­grafik. »Wer macht denn das?« »Der Voigt.« »Ach so«. In Leipzig, richtig ideal war es da für mich nicht. Pla­kat­klasse. Eigent­lich war der Pro­fessor Wagner Künstler, da hat er uns immer ins Künst­le­ri­sche abge­drängt. Malen. Grafik. Mir ist es zum Glück nicht schwer gefallen. Aber so richtig Künstler bin ich nicht. Ich muss nicht meine Gefühle künst­le­risch äußern. Kann das auch sagen oder tun, das ist nicht so mein Ding. Ich habe lieber sowas hand­festes. So, für das muss was sein und fertig der Kom­mo­den­lack. Wir haben ein paar mal seinen Assis­tenten dazu gedrängt, dann konnten wir wenigs­tens aus Pietät für Pneu­mant was machen, eine Rei­fen­bude war das, ein Cor­po­rate Design. Da sind wir in das Kom­binat gefahren, eigent­lich war das abnormal, dass man sowas erbet­teln muss. Es sollten freie künst­le­ri­sche Pla­kate gemacht werden. Dann dachte ich, der Voigt, das ist schon nicht schlecht. Brief­marken und sowas, ordi­närer Krempel. Gebrauchs­grafik. Das wäre schon nicht schlecht, so eine Aspi­rantur dort, fand ich. Ich dachte noch nicht, dass ich das machen konnte. Da war im vierten Stu­di­en­jahr noch nicht abzu­sehen, ob es eine Eins wird, ich hatte natür­lich Min­der­wer­tig­keits­kom­plexe. Dann hat es sich aber abge­zeichnet, auch durch die Theo­rie­ar­beit in Berlin an der Fach­schule, da war der ein­zige Wer­be­psy­cho­loge der DDR, der dort gelehrt hat. Es hat sich her­aus­ge­drückt, dass es alles auf Eins her­aus­laufen könnte. Ich habe zum meinem Kumpel gesagt, er soll mir mal die Adresse geben, dass ich zum Pro­fessor Voigt fahren kann, mal fragen, ob er mir eine Aspi­rantur geben könnte.

Ich weiß noch, wir waren bei ihm zu hause im Wohn­zimmer, der Couch­tisch wurde frei­ge­macht. Mappe drauf. Die Meis­terin hat Kaffee ser­viert. Das war schön, er meinte, ich würde dich gerne nehmen, aber ich weiß noch nicht wie es los geht. Es gab noch keinen Tisch und keinen Stuhl. Im Sep­tember ging es los, ich war im Mai bei ihm.

1978, ja. Das hieß damals noch Aspi­rantur, das war, sagen wir mal, adäquat der Dok­to­ran­den­zeit. Aspi­rant im aka­de­mi­schen Sinne. Das ging über drei Jahre, adäquat zu diesen Dok­to­r­an­ten­zeiten damals. Dann haben sie es auf zwei Jahre gekürzt, auf ein Jahre gekürzt, später sogar auf ein Semester. Dann hieß es Auf­bau­stu­dium, Zusatz­stu­dium. Bla Bla. Irgendwo immer, wie es jetzt ist: Gebrauchs­grafik, Gra­fik­de­sign, Kommunikationsdesign.

Weil wir keinen Doktor Kunst machen. Am Anfang waren es halt drei Jahre. Du hast dann ein etwas geho­be­neres Sti­pen­dium gekriegt. 500 Mark anstatt 180 Sti­pen­dium. 500 waren in der DDR okay.

Ein nor­maler Arbei­ter­lohn: 800 bis 900. Natür­lich gab es auch Berufe mit 600 – 700 Mark. Ende der ›70er Jahre war es schon so, dass du unge­fähr 800 hattest.

Es gab, das hatte ich in Leipzig, dieses Leis­tungs­sti­pen­dium. 30, 50, 80 Mark. Nochmal drauf auf die 180 Grund­sti­pen­dium. Das ging aber nach den Zen­su­ren­durch­schnitt. Damals wurde ja nicht semes­ter­weise stu­diert, son­dern so ähn­lich wie es hier zum Teil struk­tu­riert ist: jahresweise.

Am Anfang, am ersten Tag, da saßen wir in der Burg, wo jetzt die Holz­schnitt­werk­statt ist, in diesem Turm­zimmer. Da saßen wir damals. Drei Stu­denten, ich und der Meister. So ging das mal los. Jeder einen Tisch, jeder eine Tisch­lampe zum Anschrauben, jeder einen Stuhl. Action. Hehe. Dann sind wir nach einem viertel/​halben Jahr in den „Phönix“ gezogen, in diese Dru­ckerei. Dann waren wir schon relativ lange dort, min­des­tens fünf Jahre. Als nächstes kam dann Frau Sitte dazu. Damals war die Schrift zen­tral, an der ganzen Burg, alle mussten den selben Schrift­un­ter­richt machen. Damals Pro­fessor Gnauk als Meister. Frau Heise und Frau Sitte waren seine Tanz­ma­rie­chen, seine Assis­ten­tinnen. Bis zu den letzten Wehen, die du viel­leicht mal gehört oder noch mit­ge­kriegt hast vor ein paar Jahren, oder? Da hat der Alte dann, durch diese Con­nec­tion durch den Willi, den er vom Ver­band her kannte; Pro­fessor Willi Sitte war damls der Vor­sit­zende des Ver­bands Bil­dender Künstler, da saß dann auch der Fiedler drinne, der war wieder Sek­ti­ons­vor­sit­zender der Gebrauchs­grafik vom Zen­tral­ver­band; alles so ein bissl Con­nec­tion; dann gere­gelt. Wir saßen mal mit dem Voigt, haben über Gott und die Welt geredet, da meinte ich, es sei nicht in Ord­nung, dass wir die selbe Schrift­aus­bil­dung haben, wie die anderen Arsch­geigen. Da hat er gesagt, eigent­lich stimmt es schon, kann ja nicht sein. Dann haben wir das mit Gnauk geklärt, dass Frau Sitte zu uns abkom­man­diert wurde. Sie hat wei­terhin die Assis­tenz gemacht, wurde uns unter­stellt von der Dienst­struktur und hat bei uns ein Son­der­pro­gramm Schrift gemacht.

Früher war ja Schrift ohne frei­willig und tra­lala. Es ging bis zum vierten Stu­di­en­jahr straff durch. Fertig. Arschle­cken. Erste Übungen haben wir in dem dama­ligen Vor­kurs gemacht, Erste Strich­zie­h­übungen, erste Formen. Und dann ging das richtig so: Son­der­pro­gramm. Wir hatten dann viel mehr Schriften zu schreiben. Bis dahin … Oliver Tuche war ja der letzte der noch Süt­terlin geschrieben hat mit noch so bissl Schnarch dazu. Dann kam die Frau Natus-​Salamoun dazu, die Illus­tra­tion gemacht hat und Trick­film. Und in dieser Zeit kam dann auch der Fiedler dazu, der hat dann CD, CI gemacht. Das könnte so in den 80ern gewesen sein.

Dann der Umzug vom »Phönix« in das Korn­haus der Burg. Richtig neu alles. Neue Stühle, neue Tische. Wir hatten alle nur zusam­men­ge­stub­beltes Zeug im »Phönix«, teil­weise von der Dru­ckerei über­nom­menes Zeug. Einen alten Tisch, den man dreimal aus­ziehen konnte zu einer rie­sigen Tafel. Diese Schlag­schere, die dort draußen steht, ist noch vom »Phönix«.

Die Hoch­schule zur Wende

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Der Voigt wurde dum­mer­weise gerade in dieser Zeit 65 und die Beamten des Kul­tus­mi­nis­te­riums wollten beson­ders geil sein. Da gab es über­haupt keinen Weg, dass er das komis­sa­risch wei­ter­macht, er musste sofort auf­hören. 65 geworden – Arschle­cken. Dann hat es der Fiedler etwa zwei Jahre kom­mis­sa­risch geführt. Die Jah­res­zahlen sind alle jetzt … das musst du nachgucken.

Er hat das dann komis­sa­risch geleitet, wollen wir es so nennen. Dann kam ja das Beru­fungs­ver­fahren, über das Brade dann kam.

Mit dem Pro­fessor Funkat, das ist noch ganz wichtig. Nach dem Krieg war das hier nur ein Institut der Uni. Und dem Funkat haben wir es zu ver­danken, eigent­lich, das wir eine eigen­stän­dige Hoch­schule wurden. Der hatte sich in Berlin – er als Bau­haus­schüler – ein­ge­setzt, da musste er aber den Deal machen, dass wir Form­ge­stal­tung auf­ma­chen. Klingt jetzt n bissl iro­nisch, dass wir keine reine Kunst­hoch­schule sind, son­dern Design mit­ma­chen. Hehe. So unge­fähr war das. Und nur mit dem Deal, dass wir hier auch rich­tiges Design machen, haben wir den Hoch­schul­status gekriegt.

Nach der Wende; da hatten alle ein biss­chen Angst. Im Sommer war dann schon die Wäh­rungs­re­form, also kann man sagen das Modrow-​Regime ging ein halbes Jahr. Ich war auch leicht eupho­ri­siert: Der soge­nannte dritte Weg. Das war eine Zeit, da hätte was pas­sieren können. Aber ohne Moos nix los. Der Staat war ja pleite, was soll­test du machen. Da ging es auch an der Burg los. Es sind erstmal alle Pro­fes­soren not­ge­drungen abge­duckt. Da gibt es eine schöne Epi­sode. Der alte Rektor, der große Dicke, den Namen habe ich jetzt nicht. Er war viele Jahre Rektor. Der wurde dann raus­ge­drückt. – Ach so, ja, der hieß Pro­fessor Jung.

Das werde ich nie ver­gessen. Da war eine Voll­ver­samm­lung, unten wo jetzt der Kino­saal ist, alles voll nur mit Lehr­per­sonal, alle Pro­fes­soren, wirk­lich eine zwin­gende Voll­ver­samm­lung, jeder mit per­sön­li­cher Ein­la­dung. Da stand er vorn. Der Neue packte ein kleines Dik­tier­gerät aus. Er musste sich wahr­schein­lich bei der Stasi absi­chern, was er sagt. Er ließ das laufen und hielt eine flam­mende Rede, mit der Quint­es­senz: Wer an den Leip­ziger Demons­tra­tionen teil­nimmt, solle sich doch über­legen, ob es dann noch tragbar ist, dass er hier an dieser Schule ist. So unver­blümt ging das los. Ich guckte dann mal nach hinten, da saßen selbst Voigt, die Alt­pro­fes­soren, alle wie in der Esels­schule – ich saß da ganz vorn vorm Red­ner­pult – so wie wenn der Lehrer fragt, wer dazu etwas sagen möchte. Alle blickten nach unten wie: »Mir ist viel­leicht doch etwas her­un­ter­ge­fallen.« – Haha. Oh oh. Da ist keiner auf­ge­standen und hat gesagt: „Was quatschst du Arsch­geige?“ Angst war da schon da, wenigs­tens Feig­heit. Jetzt ging das los. Das muss man auch wissen, das wurde auch alles verdrängt.

Die Wende war schon krudig hier an der Schule. Jeden­falls, was ich erzählen wollte zum Bei­spiel dafür. Im weißen Haus ist eine Ver­samm­lung mit dem Tenor: Das muss sich alles ändern. Die alten Zöpfe werden abge­schnitten. Der Muff wird aus­ge­kehrt. Jetzt soll es anders sein. Dieses spie­ßige Gezeichne und solch Zeug, alles weg, alles modern.

Natür­lich hatte jeder Pro­fessor Angst, also haben sie alle die zweite Reihe geschickt. Die Ratten. Da saßen wir drüben, die ganzen Assis­tenten. Da hieß es dann, ja der Muff hier, das muss alles anders werden. Jetzt kommt das Ding: Pro­jekte müssen gemacht werden. Pro­jekte! Dieser Stu­di­en­plan muss weg, es müssen Pro­jekte gemacht werden. Bla, bla, bla, bla. Das ist aber schön, hab ich gesagt. Dann müssen wir nicht mehr diesen aka­de­mi­schen Krempel machen, nackige Männel, Kon­tra­post und sol­cher Scheiß. Das find ich wun­derbar. Mein Pro­jekt ist Hid­densee. Ich zieh da hoch und mache eine Pro­jekt­gruppe nach der anderen. Haha.

– und das Meer.

Phönix im Wind.

Ich fahr ja immer die gleiche Rich­tung, nach Norden. Das Wei­teste war bis über Starvanger, Nor­wegen oben. Ich fahr ja keine Stre­cken. Ich bin Wan­derer, Erkunder. Immer zwi­schen den Schären, die letzten Ecken. Schöne Anker­stellen suchen. Nicht dass ich sage, ich fahre die Lofoten hoch und fahre drei, vier Tage nachts durch, Anschlag oben und zurück. Ist nicht meine Philosophie.

Unser Segel­tour zur Som­mer­son­nen­wende, das war kein Unfall, das war höhere Macht und Selbst­ver­schulden. Das war genau fünzig-​fünzig. Ich gehe davon aus, wenn die Stu­denten und Alt­ka­me­raden, was sie ja nie machen, auf mich gehört hätten, wär nichts pas­siert. Könnt ich schwören.

Es war ein schöner Tag, relativ wenig Wind. Wir wollten zu uns in den Segel­club nach Rügen segeln, von Wol­gast, über den Greifs­walder Bodden. Hinten Seil achter aus, Leute sind rein­ge­sprungen und haben sich hin­ter­her­ziehen lassen. Schöne Gam­mel­fahrt. Ich sagte, wir fahren noch nicht in den Hafen, ich kenne drüben noch eine schöne Sand­bucht, da machen wir noch bissl Baden. Schönes Wetter. Es war um die Mit­tags­zeit, und jeder hat sein Fressen aus­ge­packt. Wie das so ist. Auf dem offenen Boot. Warst du mal mit? Das ist schon ganz schön hart auf so einem Segel­kutter – einem K10. Mit zehn Leuten auch noch. Oder waren wir gar elf? Jeden­falls waren wir voll­be­setzt. Jeder hatten seinen Rotz irgendwo ver­staut. Jeder hatte sein Müll, sein Fressen aus­ge­packt, sein Saufen. Ich guckte dann. Es war blei­ernes Wetter geworden. Zwar warm, ange­nehm, aber leicht bleiern. Nicht strah­lender Azuro. Aber auch nicht, dass du sagst, jetzt kommt hinten eine schwarze Wand oder sowas. Da denk ich „Was ist denn da vorne?“ Das Wasser so weiss, die Was­ser­ober­fläche so komisch. Und seh die Bewe­gung, dass es in unsere Rich­tung kommt. Da sag ich zum Bernd, der hat immer das Vor­segel gemacht und das Groß­segel vorn am Mast, Bernd hatte auch vom Segeln Ahnung. Ich sag „Bernd, mach mal das Groß­segel runter.“ „Warum?“ und so. Ich hab gesagt „Ihr Arsch­lö­cher! Macht mal das und das. Macht mal das Fock los und so.“ Keiner hat, jeder hatte sein Fressen gerade. „Hä?“ und so. Das konn­test du richtig sehen, wie dieses auf­ge­wühlte, weisse Feld immer näher kam. Anstatt den Groß­se­gel­fall hat er noch den fal­schen Fall abge­tü­delt. Eh die das dann runter hatten. Mit den zwei Fallen ist es schon etwas umständ­li­cher. Zum Segel­run­ter­ma­chen gehst du ja in den Wind, damit den Wind vorn hast und du das Segel runter machen kannst, keine Wind­last auf dem Segel hast. Und durch dieses ganze Gemehre kamen wir zum Stehen. Richtig wie in Zeit­lupe kam das. Wir standen und die Fock hatten sie so halb unten. Dann hab ich schon gebrüllt, sie sollen end­lich ihren Rotz liegen lassen, ihr Fressen. Das war ein kleiner Tor­nado, eine Wind­hose. Es hat uns erwischt. Das war gar nicht schlimm. Der Wind hat uns quer zum Wasser hin­ein­ge­drückt. Da war der Sack der Fock … so richtig schön sanft hat es uns seit­lich rein­ge­drückt. Durch­ge­ken­tert, Kiel oben. Dann kamen die Korken hoch, jeder. Zum Glück. Es ist ja nichts pas­siert. Als der Tor­nado durch war, war es eine Sache von einer Minute, zwei Minuten. Dann war die Walze durch und dann war nur nor­maler Wind. Das Glück war, dass wir mit dem Mast unten im Grund schon staken. Und wir oben drauf. Mit dem Ralf bin ich dann runter unters Boot getaucht um nach unserem Zeug zu schauen. Ich dachte „Ach du Scheisse.“ Jetzt alle Aus­weise, Fahr­er­laubnis, Schlüssel, das Zeug. Offenes Boot, und umge­kippt. In dem Moment. Danach sagt man „logisch“. Es war ja überall Luft drin. Durch dieses schnelle Umkippen waren Luft­ein­schlüsse zwi­schen den Kla­motten überall. Am Schluss, das Bier war weg und Rotz aus den Fress­kisten, aber von per­sön­li­chem Zeug, was wichtig ist, war nichts weg. Wir sind dann runter getaucht, haben die Säcke hochgeholt.

Es war Glück, obwohl es pein­lich war, aber die haben es im Hafen auch erlebt. Wir waren ja in Sicht­weite vom Hafen. Des­wegen war es pein­lich, aber auch Glück. Bei uns liegt das Ret­tungs­schiff. Die Angler, da waren auch noch andere unter­wegs, haben das gemeldet. Dann kam von uns der Horst, der ist in unserem Club. Der Chef der Seeret­tung … ich komme jetzt nicht auf den Begriff. Das nennt sich nicht Kapitän, — ah ja son­dern Vor­mann. Da kamen sie her zu uns. Sie haben erstmal die Leute geborgen und was wir noch hatten an Schnarch. Jetzt schwammen dort auch die Boden­bretter und solch Zeug. Das hätte er gar nicht gedurft, er hat mir von einem Über­le­bens­anzug, — du warst nass und ein bissl Stress, es waren ja min­des­tens dreißig Minuten ver­gangen -, er hat mir so eine Jacke gegeben, damit ich nicht friere. Wir hatten ja nichts an weiter. Er hat mich zum Glück wieder aufs Boot gelassen und ist mit den Anderen zum Hafen. Ich bin dann rein­ge­sprungen und haben alles auf­ge­sam­melt was noch so rum­schwamm. Wenn die uns nicht gekannt hätten, solche Faxen machen die nicht. Leute retten und Arschle­cken. Dann kam er zurück und wir haben das Boot auf­ge­richtet, erstmal gedreht. Eich­st­rich Wasser nur die 2 Masten schauten raus. Dann hat er uns in Schlepp genommen. Bei uns im Hafen, ich sag ja, eine bes­sere Stelle hät­test du nicht raus­su­chen können, im Hafen in der Slipp alles klar gemacht. Rund­hölzer, damit wir es dann auf­rollen können. Du darfst es ja nicht so auf­rollen, das zer­bricht ja gleich mit der ganzen Last Wasser drin. Das musst du ja vor­sichtig machen. Drüben im Ret­tungs­schuppen, hatte die Frau des Vor­mann schon mit dem Auto die grosse alte Stand­schleuder run­ter­ge­fahren. Heute hast du ja bloss noch die Wasch­ma­schine, sie hat noch eine riesen Schleuder gehabt. Drüben haben sie dann die Kla­motten tro­cken gemacht, alles aus­ge­schleu­dert, hin­term Ret­tungs­schuppen ist eine Wiese, Leinen gespannt, alles auf­ge­hangen, Zelte, Schlaf­säcke, erstmal das wich­tigste, jeder eine Kla­mot­ten­aus­rüs­tung. Dann hat jeder sein Zeug sor­tiert, seine Aus­weise, Streich­hölzer dazwi­schen zum Trocknen. Wie es eben so ist. Er hat dann von seinem Ret­tungs­boot den Schnor­chel rein­ge­halten, mit der Pumpe haben wir es dann aus­ge­saugt. Ja. Abends haben wir dann bei uns im Club ein Bier — naja waren viel­leicht ei Paar mehr — getrunken, jeder hatte Abends sein Zelt tro­cken, seinen Schlaf­sack tro­cken und einen Satz tro­ckenen Kla­motten. Es war dann den ganzen Nach­mittag schönes Wetter.

Der grösste Sack­stand beim Ken­tern war ja das, da gibt es eine schöne Epi­sode, da war das erste mal der Bartsch mit und die Anne, so eine Kleine, nach dem Auf­tau­chen waren sie hinten am Ruder­blatt, wel­ches nur mit Stiften ein­ge­hakt ist. Der Kutter ist immer mehr weg­ge­sunken, weil die Luft ein bissl raus­ging und wir drauf­ge­klet­tert sind und immer mehr Zeug drauf­ge­hauen haben. Da ist das Ruder hinten raus, es ist aber aus Holz, weil es ver­kehrt rum war aus den Zapfen raus. Bartsch hält es noch und sagt zur Anne „Brau­chen wir das noch?“ Da sagt die Anne „Ich glaub nicht.“ Das Rind­vieh lässt das Ruder fallen. Haha. Jetzt kam der Stress, woher ein Ruder kriegen. Es war ja nach der Wende und es gab ein paar Clubs, die Segel­kutter hatten. Wir wollten uns erstmal eins borgen und sind ein paar Clubs abge­fahren. Aber die hatten alle ihre Kutter schon ver­schrottet gehabt usw. Und dann wieder das Glück. Es war ja Samstag. Die Werft. Dann ist einer von unseren Club vom Metall aus der Werft rüber und hat die Beschläge geklöp­pelt und zurecht geschweißt, die anderen Club­ka­me­raden haben aus Bret­tern ein Ruder gebaut. Wir sind dann Sonntag wieder gese­gelt. Als wir zurück sind war wieder ganz schöner Wind. Rudern ist ja Quatsch, du musst ja wieder segeln. Aber ich musste nur ganz leise was sagen … Jedes Kom­mando wurde sofort aus­ge­führt. Haha. Wo man sagt, man hat einen Engel … Wir haben dann das Geld zusam­men­ge­legt, die haben sich dann noch das Ori­gi­nal­ruder bauen lassen, unseres war etwas behelfs­mässig. Nichts zer­bro­chen, nichts ver­loren von dem ganzen Rotz, der zum Boot gehörte, die Ruder, Boden­bretter, alles.

Es lag an uns. Ich sag ja, wenn die gehört hätten, alle die Segel unten gehabt hätten, wär die Böe durch­ge­gangen, es hätte uns ein bissl durch­ge­rüt­telt und dann wär es gut gewesen. Es war ja Land zu sehen. Die Doris ist nach dem ken­tern rüber zur Insel Vilm geschwommen, um Hilfe zu holen. Ich sah dann schon die Reusen, »Da kannst du schon stehen«, habe ich gerufen: „Kannst laufen.“ Sie ist geschwommen, bis sie mit der Brust aufm Boden schliff. Zwei Drittel hätte sie gar nicht mehr schwimmen müssen. Eine bes­sere Stelle hätten wir uns für diese Faxen nicht raus­su­chen können. Optimal. Aben­teuer, was man später mal den Enkeln erzählen kann.

Früher war alles besser – das meiste schon.

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Naja, man sagt immer so: Früher war alles besser. In der alten Dru­ckerei »Phönix«, das war schon ver­schärft. Das hatte auch eine Gemüt­lich­keit dort. Wir konnten dort den Schlüssel hängen lassen, ver­steckt im Haus­flur. Und draußen hatten wir noch ein Ver­steck für die Haus­türe. Und da war es eigent­lich so wie jetzt mög­lich 24 Stunden, rol­lende Woche, das ganze Jahr. Was du im Hermes noch mit­ge­kriegt hast. Wie zum Bei­spiel Monika. Die hat teil­weise dort gelebt. Die hatte ihre Kiste mit den Schlüp­fern unterm Tisch und hat dort gelebt. So auch Mirijam. Der böse Peter hatte im Phönix ein halbes Jahr dort gewohnt. In der typi­schen Couch-​Ecke, der Ulf-​Ecke, geschlafen. Pro­fessor Voigt war eine Vater­figur vom Typ her. Da gab es auch viele pri­vate Unter­neh­mungen mit dem Alten. Der hat gerne mit­ge­feiert, war schon sehr per­sön­lich. So was kann man sich heute nicht mehr vor­stellen. Pro­fessor Brade war mehr so ein Künst­lertyp. Aber auch mit ihm war nicht alles nur »dienst­lich«. Das war schon ganz schön intim zum Teil. Zu Voigt war es wirk­lich eine starke Bin­dung. Was wir an Spaß und Blöd­sinn nebenbei gemacht haben ist heute manchmal »Pro­jekt« im Studium.

Die Hoch­zeit der per­fekten Stu­di­umor­ga­ni­sa­tion hatten wir gegen Ende von Brade. Das hast du ja gerade noch mit­er­lebt. Das war bedingt, weil wir in der Kunst den ganzen Unter­richt gemacht haben und nur formal im Design waren. Wir haben prak­tisch die selbe Aus­bil­dung gemacht, wie die Künstler. Da war Zeichnen Pflicht, früher sogar bis ins vierte Stu­di­en­jahr und das nicht nur so wie — komm rein und freß nen Klos mit -, son­dern straffes Programm.

Ganz am Anfang gab es zwei Gruppen. In der Künst­ler­gruppe waren nicht sehr viele, da waren drei Fach­be­reiche zu sechs bis acht Fach­be­reiche in der ange­wandten Gruppe. Wir sollten uns ent­scheiden, bei wel­cher Gruppe wir mit zeichnen wollen. Da habe ich zum Alten gesagt »Da sind wir lieber die Schlechten von den Guten, als die Guten von den Schlechten.« Dann sind wir in die Künst­ler­gruppe gegangen.

Du kannst Leute wie Winni sehen, oder Rainer Ehrt, die Wachtel. Da kann man nicht behaupten, dass wir die Schlechten von den Guten waren. Oft war es umge­kehrt. Wirk­lich gute Zeichner sind da raus­ge­kommen. Nicht jeder, aber es war schon mög­lich. Viele sind von uns auch im ersten/​zweiten Stu­di­en­jahr gewech­selt zur Grafik oder Malerei. Leute, die richtig gut waren, hab ich immer beschwatzt, sie sollen lieber nach Leipzig gehen, weil es dort noch fun­da­men­taler war. Hier war das schon ein wenig Pro­vinz­ma­lerei, was sie gemacht haben, dass muss man ein­fach auch so bös­artig sagen. Naja -, Kunst is schen aber schwer und macht oft dreck­sche Pfoden.

Rainer Ehrt hat mal gesagt, er war froh auf mich gehört zu haben. Er wollte auch in die Grafik gehen. Da hab ich gesagt „Du bist doch bescheuert. Du kannst doch hier bei uns im Fach­be­reich das Selbe machen.“ Aber du hast hier eine andere Sicht­weise auf die Sachen. Durch das Ange­wandte. Im Nach­hinein meinte er, war er froh dar­über darauf gehört zu haben. Man hat schon eine andere Sicht auf die Dinge, etwas sach­li­cher, rea­lis­ti­scher. Für was man was macht. Zweck­o­ri­en­tierter. Man steht sich nicht ganz so kopf­lastig im Wege.

Da gab es keinen Burg-​Stil. Ich habe das hier nie emp­funden, dass es eine Hal­tung „Voigt“ oder Hal­tung „Brade“ gab … natür­lich sind ein paar dem Brade von der Art her hin­terher … aber es war nicht so, dass sowas auch unbe­dingt von ihm hono­riert wurde. Da kannst Du dier mal alte Heftel von uns angu­cken, wo Bilder vom Pla­kat­wett­be­werbe im Auszug vom 1. bis 4. Stu­di­en­jahr drin sind. Da sieht man wie ver­schieden es war. Dann kam die Ände­rung des Lehr­an­satz, weg von einer künst­le­ri­schen Gebrauchsgrafik.

DDR – Gebrauchs­grafik und Kunst.

Bildungsreise der Hochschule für industrielle Formgestaltung

Das relativ stark Ange­wandte in den künst­le­ri­schen Rich­tungen. Malerei – Wand­bilder. Im Sinne von Auf­trags­kunst, der Kunst, vor allem der bau­ge­bun­denen Kunst. Die in der DDR ein biss­chen auf die Künstler ver­teilt wurde, war schön orga­ni­siert: So dass du im Jahr ein Mons­ter­werk hat­test, wo du dann dein Fressen, Saufen, Scheißen orga­ni­siert hast, und dann konn­test du deine Kunst in Ruhe machen. Natür­lich ein biss­chen prag­ma­tisch. War ja auch so geplant, des­wegen die Stu­di­en­be­gren­zung. An der Burg waren, meines Wis­sens, maximal drei Stu­denten pro Fach­rich­tung, wie auch bei uns, in der Sek­tion Kunst. Das war Struktur, das war vom Staat so vor­geben. Jeden­falls war Pro­fessor Voigt mit Erst­stu­dent für Gebrauchs­grafik an der Burg, nach dem Krieg. Dann ist es ja ein paar Jahre gegangen, diese ange­wandte Sache. Es hatte ja im ent­fernten Sinne mit der Tra­di­tion des Bau­haus zu tun, aus diesem Zeit­geist heraus enstand das ja. Es ging nach dem Krieg los, wie es so war, sie sind noch raus­ge­fahren auf die Felder und haben Kar­tof­feln gestub­belt und gemaust, aber auch gefeiert. Dann war ja Gebrauchs­grafik bis ‚78 wieder geschlossen.

Es gab, auf gut Deutsch, nur drei Hoch­schulen, die Gra­fik­de­sign im näheren und wei­teren Sinne aus­ge­bildet haben. Das war Wei­ßensee, das war ja eine Kunst‑…, künst­liche Hoch­schule; die erst im Sozia­lismus gegründet wurde, in der Haupt­stadt der DDR musste ja auch eine Kunst­hoch­schule sein. Dann Leipzig, die ja schon vorm Krieg Aka­demie war. Da war die Burg, die schon immer n bissl, ich sag mal, Trach­ten­dudel hatte, auch den künst­le­ri­schen Trach­tel­dudel, ich sag mal so wie Kunstgewerbeschule.

Dresden war ja reine Malerei, die hatte ja keine Gebrauchs­grafik, des­halb ja nur drei Hoch­schulen, an denen du Gebrauchs­grafik stu­dieren konn­test. Nur bei uns war Gebrauchs­grafik und in Berlin als reine Lehre. In Leipzig, wo ich stu­diert habe, hieß es Pla­kat­klasse im Stu­di­en­gang Grafik/​Malerei. Als ich ange­fangen habe, da gab es noch eine Aus­stel­lungs­gra­fik­klasse. Früher mussten Fliegen drei mal vier Meter groß gemalt werden, Aus­stel­lungs­ge­stal­tung, per Hand, wie willst du es damals anders machen. Über­haupt in Leipzig, durch die Messe – alle Künstler damals haben dort von der Messe gelebt. In den Mes­se­hallen wurde ja alles mit Hand gemacht, große Schriften, Trans­pa­rente, die ganze Aus­ma­lerei, auf Ständen, wurde alles mit der Hand gemacht. Die Messe wurde auch gut von West­lern besucht. Dadurch haben sie sich die gol­dene Nase ver­dient, zweimal im Jahr, Früh­jahrs­messe, Herbstmesse.

Vom freier Kunst­markt konnte keiner leben, bis auf wenige. Die Betriebe hatten eine Art Zwangs­fonds, von dem sie Kunst ankaufen mussten. In Buna draussen, irgendwo, in Kel­le­r­ecken moderte das Zeug, in ihren Gängen war etwas auf­ge­hangen oder bei der Gewerk­schaft. Alle Groß­be­triebe mussten Kunst ankaufen. Paten­schafts­ver­trag hieß das. Zum Bei­spiel „der Bri­ga­dier“ von Pro­fessor Bern­hard Heisig. Oder Pro­fessor Mattheuer, „die Aus­ge­zeich­nete“. Hof­maler? – ja logisch, zumin­dest zum Teil. Selbst Pro­fessor Tübke hat mal eine Kreu­zi­gungs­szene mit Bau­ar­bei­tern gemacht, in dieser Hal­tung. Eine Kreu­z­auf­rich­tungs­szene, wo Bau­ar­beiter auf einem Gerüst aus … eine wun­der­bare Sachen … Er hat genau auf der Naht gear­beitet. Das fand ich gut. Der Tübke. Ich hab unter ihm stu­diert, mehr oder weniger. Als ich ange­fangen habe, wurde Tübke damals gerade Rektor. Das hat er zwei oder drei Jahre gemacht, dann kam Pro­fessor Heisig.

A Priori

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Für Gebrauchs­grafik, hab ich immer gesagt, muss man nicht Zeichnen können. Wird natür­lich bloß albern bei Illus­tra­tion, wo ich sage, Illus­tra­tion machen die, die nicht Zeichnen können. So ist es ja. Das ist traurig. Aber als Gebrauchs­gra­fiker musst du nicht Zeichnen können.

Es geht bei uns um Gestal­tung. Ob du die mit A, B und C oder mit ner nackigen Mieze machst, ist scheiss­egal. Um Gestal­tung geht es, um mehr nicht. Und was Gegen­stand der Gestal­tung ist, ist scheiss­egal. Du musst nicht Zeichnen können.

Mir muss es nicht gefallen, es muss in sich schlüssig sein, was du machst. Mir muss das doch nicht gefallen, ist doch Quatsch. Das ist doch immer die Gefahr in der Kunst gewesen, dass alle als kleine Meister raus­kommen. Ent­weder sie wurden vom Meister gedrückt, oder sie sind selber, weil sie keine Intui­tion haben, der Sache hinterhergelaufen.

Talent soll schon sein. Man kann das nicht erzwingen. Man kann vieles mit Fleiß über den Kopf machen, aber irgendwo ist es end­lich. Denke ich.

Zum Bei­spiel Kochen. Zwei Eier kannst du abzählen, hun­dert Gramm Mehl kannst du abwiegen, was machst du dann bei dem Begriff „eine Prise Salz“? Letzt­end­lich, dazu ist das Stu­dium auch ein biss­chen da, um zu schauen, ohne Zwänge, was einem von der Hand geht. Das ist immer das Pro­blem, egal mit wel­chen Mit­teln du arbei­test, ob mit Rechner oder Stift, diese rosa Blase, die dir hinten im Kopf sitzt über den Arm, über die Hand letzt­end­lich raus­zu­kriegen. Diese Blase. Also diese Vor­stel­lung, die du hast, so zu visua­li­sieren, dass der andere sie sieht. Denn der hat deine Vor­stel­lung nicht. Er kriegt nur eine Vor­stel­lung deiner Vor­stel­lung, wenn er es sieht.

Das ist hier kein Lai­en­zirkel. Natür­lich hast du hier einen Teil von Stunden, die wie früher die höheren Töchter als Kla­vier­stunden genommen haben bis der Mär­chen­prinz kam, heute ein bissl Kunst machen. Natür­lich ist das hier viel ein­fa­cher, das zweite Stu­di­en­jahr zu über­stehen, als das Phy­sicum, wenn du Medizin stu­dierst. Wenn die Leute hier schon unter dieser Leis­tung ein­kni­cken und einen Psy­chater brau­chen, „Herr Mar­kert, wir schaffen das nicht.“ Dann sollen sie sich bitte mal im Phy­sicum diese bio­che­mi­schen For­meln in die Rübe ziehen. Da kannst du nicht wie hier so ein bissl rumeiern, ent­weder ist das C an der rich­tigen Stelle oder das H, oder »Auf Wie­der­sehen«. Bitte schön. Da ist näm­lich drei mal drei neun. Bei uns kann durchaus drei mal drei auch sieben und zehn sein.

Auch wenn du Rum­pel­stielz­chen heisst, kommt es immer noch darauf an, was du machst und kannst. Was nützt denn dir der Name. So ein Geaffe. Des Kai­sers neue Kleider. Wenn du nichts an hast, wenn du keine Fähig­keiten hast, musst du das mit Getue und Behaup­tungen machen, dann wird mit sol­chen Wort­hülsen geschossen. Die Mensch­heit ist immer wieder so doof, diesen Dudel, dieser Selbst­be­weih­räu­che­rung, diesen Schicki-​Micki zu glauben. Darum geb ich ehr­lich zu, so ein Abend wie ges­tern, euere »Party« für mich zum »Ende«, ich mach es, aber ich brauche es nicht. Ich mache das in der Gruppe alles mit. Aber dieses Offi­zi­elle ist mir ein Horror. Dieses Getue. Der geliebte Ver­stor­bene. Furchtbar ist das. Krudig. Find ich furchtbar. Schon diese Aus­zeich­nungen oder sowas des­wegen machen. Die Arsch­lö­cher hätten doch auch alle im Sommer mit nach Hid­densee kommen können, zum Alt­ka­me­ra­den­treffen mit »Gästen«. Warum sind sie denn heute hierher gekommen. Das ver­stehe ich nicht. Das ist nicht mein Ding. Geburtstag feiern. Nur weil ich heute bei der Mutti her­aus­ge­rutscht bin, muss ich nicht Geburtstag feiern. Affig. Syl­vester. Heute muss ich fröh­lich sein und mir die Rübe zu ziehen nur weil Syl­vester ist. Heute muss ich es mir gemüt­lich machen, weil es Hei­lige Abend sech­zehn Uhr ist. Sowas geht mir ab. Völlig. Noch nie. Ich mache es ja, man ist ja ein soziales Wesen. Aber ich brauche es nicht. Ich lege auf sowas Null wert.

Warum waren die alle bei diesem Treffen und der Feier zu meinen »Ende«? Das hat auch was mit dem Trach­ten­dudel zu tun, den wir gemacht haben. Sau­ferei, die Bier­ecke, das Weg­fahren, diesen Spass. Dieser selbst gemachte Spass, das fing ja auch bei Euch schon an, Ein­stands­feten und sowas. Die Leute sind nicht mehr fähig, Spass selber zu machen. Son­dern, Spass wird ein­ge­kauft. Du holst eine Band und sowas. Du pro­du­zierst keinen Froh­sinn mehr selbst, du kaufst Froh­sinn ein. Dann stellst du dich hin und sagst „Was ist das für eine Scheisse?“, weil du ihnen das Geld gegeben hast. Ich weiss nicht, ob es bei euch war, es könnte aber unge­fähr die Zeit gewesen sein, da war ich zeitig da, zu einer Ein­stands­fete mit »Gäste« – ganz groß – und sie saßen vorn und haben schon Ein­lass kas­siert, da kamen welche: „Ist hier schon was los?“ Ich sagte: „Los ist hier noch nichts, aber sie sind scharf auf euer Geld.“ Weisst du? Du gehst wohin und fragst: „Ist hier schon was los?“. Ich geh dahin und mach was los – oder bleibe Zuhause.

Naja, heute ist eben doch alles besser – den Schwach­sinn in seinen Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.

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7 Comments

  1. Kulturgestalten
    Erstellt am 14. April 2009 um 18:04 | Permanent-Link

    sehr amü­sant & interessant !

  2. Erstellt am 14. April 2009 um 22:06 | Permanent-Link

    ganz groß, nich schlecht andre, nich schlecht du ratte

  3. hunki
    Erstellt am 15. April 2009 um 15:43 | Permanent-Link

    Arschle­cken!

  4. Erstellt am 16. April 2009 um 21:07 | Permanent-Link

    Och keen grö­ßerer Schwach­sinn als so manch anderer Schwachsinn.

    Schön mal die unzäh­ligen, bekannten Fetzen in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­folge lesen zu können.

    Danke Veit und André :)

  5. Der Betroffene
    Erstellt am 17. April 2009 um 13:12 | Permanent-Link

    Ich habe es geahnt und die ganze Zeit schon gesagt:
    »Das wird nicht gut und für viele unver­ständ­lich.
    Das ist zu sehr aus dem Zusam­men­hang des Gespräch
    geschrieben. Vor­allem ohne klares Kon­zept für was
    »Das« gut sein soll.« -
    Naja, viel »Spaß« !
    AHOI »> Veit

  6. Rainer
    Erstellt am 13. Mai 2009 um 17:23 | Permanent-Link

    Schöner Text; da gäb›s noch wesent­lich mehr zu erzählen…
    Bitte mal einen Namen richtig stellen: Nicht Nadis-​Schalomon, Mensch, son­dern Eva Natus-​Salamoun, groß­ar­tige Illus­tra­torin und als Leh­rerin eine Wucht.
    Gruß Rainer Ehrt

  7. Erstellt am 13. Mai 2009 um 23:07 | Permanent-Link

    An wei­teren Berichten und Geschichten aus Sicht der berühmten Alt­ka­me­raden wäre ich schwer inter­es­siert. Diesem archi­vierten Auszug würde Erwei­te­rung gut stehen.

    Ich ent­schul­dige mich bei Frau Natus-​Salamoun.

    Nun binde sich jemand seine Phönix-​Krawatte und gebe seinen Senf dazu.

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