
Wozu sein Vorstellungsvermögen anstrengen? Wer am letzten Mittwoch und Donnerstag bei der »Besetzung« des Geisteswissenschaftlichen Zentrums in Leipzig war, zu dem über 60 Studierende aufgerufen hatten, der wußte wie es sich anfühlt und aussah: Drei Banner und eine Bühne im Foyer mit einem offenen Mikrofon. Mit diesem durfte jeder, der es wollte, fünf Minuten über das erzählen, was eh jeder schon weiß: wie schlecht der Bachelor ist, wie überfüllt die Kurse sind, wie wenig Professoren es gibt und dass auch die alten Diplomstudiengänge nicht besser dran sind. Neben der Eingangshalle wurden auch noch ein paar weitere Räume besetzt, aber Lehrveranstaltungen fanden trotzdem statt. Man darf ja mittlerweile nicht mehr fehlen und braucht dringend seine ECTS-Punkte.
Angeblich gibt es 30.000 Studenten in Leipzig. Bei der Besetzung ständig vor Ort waren vielleicht an die 100 und die Veranstalter sprachen von insgesamt »300−400 Studenten«, die sich über die gesamten zwei Tage dorthin verirrt hatten. Im Vergleich zu diesem Schauspiel war die Mensa wohl dreimal voller und lebhafter. Auf dem Weg dorthin konnte man immerhin einen 10-Mann-starken Protestzug sehen, der verzweifelt auf die missliche Lage der Studenten aufmerksam machen wollte.
Lag es daran, dass zu wenig Flyer verteilt worden, dass das Wetter zu gut war oder daran, dass keine klaren Ziele für die Proteste ausgegeben waren? Die Antwort ist viel einfacher: »Themen wie die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht scheinen bedeutungslos geworden zu sein.« Eine Ansicht, die nicht nur Daniél Kretschmar in seinem Artikel »Der allerletzte linke Student« aus einer Studie des Bundesministerium für Bildung und Forschung herausliest. Er lässt auch das unabhängige Fachschaftenforum der Universität Münster zu Wort kommen, das die Situation gut zusammenfasst: »Diskussions– und Kritikfreudigkeit sind unter den Studierenden gering. Öffentliche Debatten werden nicht aufgenommen. Autoritäten werden selten in Frage gestellt. Die Mehrheit der Studierenden passt sich dem System an und zieht sich lieber ins Private zurück.«
Selbst wenn es mehr Flyer gegeben hätte und mehr kommuniziert worden wäre und selbst wenn das Wetter schlechter gewesen wäre, es hätte nicht geholfen. So gut wie die Ideen der Protesttage klingen und so gut sie auch gemeint waren, aber sie konnten gar nicht auf Interesse stoßen. Das größte Problem sind nicht die Studienbedingungen, das größte Problem ist der Student an sich. Der Bachelorstudent ist ein Biedermeier: Es geht ihm viel zu gut, er hat genug mit sich selber zu tun und er ist sowieso der Meinung, dass er nichts ändern kann.
5 Comments
Ist es nicht paradox, dass es den Studenten scheinbar zu gut geht, die Bedingungen an der Uni aber eigentlich immer schlechter werden? Wobei schlecht hier wohl nicht das richtige Wort ist, vielleicht »einheitlicher« oder »marktorientierter«. Das eigentlich schlimme ist doch, dass kein wirklicher Protest entsteht, weil die Grundlage dafür eigentlich schon mit dem BA/MA System genommen wurde. Wer hat schon Lust und Zeit sich für etwas einzusetzen, dass ihn nur 3 Jahre betrifft?
Die Kommentarflut ist ja symptomatisch für das Thema.
Das ist ja kein absolut neuer Hut oder? Wenn wir mal von Leipzig nach Halle schauen. Vom wissenschaftlichen in den künstlerischen Sektor. Finden wir da unterschiede? Ich meine Schon. Es gibt hier an der Burg doch — jetzt egal ob BA oder nicht — genug Spielraum eigene Projekte zu realisieren oder? Aber: Wer thematisiert hier gesellschaftspolitisch relevante Themen? Wieso hinterfragt kaum einer diesen Rahmen in dem wir »später« agieren soll um möglichst optimal Brötchen zu verdienen? Es kommt mir so vor als sei es eine allgemeine unpolitische Mentalität die hier vorherscht. Die absolute Akzeptanz des Rahmens und das fehlen jeglichen subversiven Potenzials. Um ein positives Beispiel zu geben: die Berliner Studenten: http://www.kh-berlin.de/index.…..owProject# haben was gemacht. die Bedingungen werden meiner Meinung nach nicht schlechter-siehe Macpool etc… Der druck ist vielleicht höher. Aber das heist doch nicht dass man da nicht aus kann…
Hmh…
Mir fällt auf, dass du indymedia falsch verlinkt hast.
ist korrigiert und gleich noch ein lesenswerter artikel: http://www.zeit.de/2009/18/C-Tuebingen
Ein Trackback
[…] wohl unumgänglicherweise, das Konferenz-Thema Studium und Eigeninitiative heraus. Die Demos im April 2009 in Leipzig bestätigten uns dann in unserer Idee. Und gerade weil platter Protest für uns nicht in Frage kam […]